EIERSCHALe

ZERBRECHLICH – Diplomarbeit von Ulrike Boettcher

1.ZERBRECHLICH

Der Moment des Zerbrechens liegt an der Grenze zwischen zwei verschiedenen Zuständen. Doch wird der nach dem Bruch folgende Zustand meistens negativ gesehen. Der betroffene Gegenstand wird als kaputt oder zerstört bewertet, aufgegeben und auf den Müll geworfen. Aber was folgt eigentlich nach dem Zerbrechen? Und ist das, was zerbrochen ist, wirklich gleich uninteressant und überflüssig?

Alles erreicht ab einem bestimmten Punkt ein Endstadium, doch ist dies in der Regel nur ein weiterer Schritt in einem fortwährenden Kreislauf von Nutzung, Zerfall und Neubeginn. Betrachtet man diese ewig wiederkehrenden Stadien einmal unvoreingenommen, stellt man fest, dass jedes Objekt lediglich eine neutrale Veränderung, also eine Metamorphose durchläuft.

Um etwas nicht zu zerbrechen, gibt es die Redensart, etwas wie ein rohes Ei zu behandeln, also mit hoher Vorsicht. Doch gerade das Ei beschreibt hier zwei ambivalente Gegensätze. Denn für die Funktion des Eis ist geradezu das Zerbrechen und die anschließende schnelle Zerstörung der Schale essentiell, sei es durch das Küken, oder sei es durch den Menschen, der das Ei essen oder anders verwerten will. Dabei erfüllt die Eierschale in ihrem zerbrochenen Zustand ebenso einen natürlichen Zweck wie als glatte, geschlossene Oberfläche, durch die das heranwachsende Küken geschützt wird.

Im ursprünglichen natürlichen Kreislauf spielt in der Folge vor allem der in der Eierschale enthaltene Kalk eine Rolle. In Bruchstücke zerfallen, sinken Eierschalen über die Zeit mit anderen natürlichen Abfallprodukten in den Boden ein, amalgamieren sich mit ihnen zu einer Masse und werden über Millionen von Jahren durch Druck und chemische Prozesse mit anderen Sedimenten wie Skeletten und Kalkpanzern schichtweise zu Kalkstein zusammengepresst. So werden sie wieder zu einem Rohstoff, der für Neues eingesetzt werden kann, und sich mit seinen besonderen Eigenschaften u.a. im Baugewerbe bewährt. Er hat die Fähigkeit, Schadstoffe aus der Luft zu filtern, saure Böden zu neutralisieren, Abwässer zu reinigen, sowie Wärme zu speichern und weiter zu leiten. Zudem saugt er Wasser auf und entzieht somit z.B. Wänden den Nährboden für Schimmelbefall, während er gleichzeitig die Feuchtigkeit nach und nach an die Luft wieder abgibt und so für ein angenehmes Raumklima sorgen kann. All dies sind Gründe warum Kalkstein zu einem der wichtigsten Werkstoffe geworden ist. Um Kalk zu gewinnen, muss er jedoch im Tagebau abgebaut werden, was zugleich einen enormen Energieaufwand und die Zerstörung ganzer Naturlandstriche mit sich bringt.

Während die Produktion von Eiern im Laufe der Menschheit um ein Vielfaches angestiegen ist, wurde der natürliche Prozess ihrer Verwertung aber unterbrochen. Die industrielle Produktion von Eiern sorgt für größtenteils unverwerteten Abfall, der als organischer Sondermüll entsorgt werden muss. Deshalb liegt es nahe, nach Möglichkeiten einer Wiederverwertung zu suchen, die die in riesigen Mengen als Restprodukt anfallenden Eierschalen auf intelligente Weise in den natürlichen Materialkreislauf zurückführt. An diesem Punkt setzt das Projekt an und verbindet dabei ein Konzept der nachhaltigen Ressourcenverwendung mit gestalterischen und ästhetischen Strategien und Aussagen.

Es war von vorneherein klar, dass die Verwertung von Eierschalen nicht allein der Logik einer funktional ausgerichteten Materialentwicklung folgen sollte. Ausgehend von einer wirtschaftlichen und einer ästhetischen Funktion entwickelten sich zwei Gedankenstränge. Im ersten Teil wurde dabei mehr auf dem Kerngedanken einer industriell möglichen Produktentwicklung hingearbeitet und aus dem zerbrechlichen Material Eierschale ein haltbares Baumaterial hergestellt. Die minimale Zerkleinerung, also das Zermahlen der Schale tragen dabei zum letztendlich verflüssigten und gießbaren Produkt bei, das bei seiner Aushärtung sich ähnlich wie ein Mörtel  verhält. Optisch wird dabei der Charakter einer hellen feinkörnigen Eierschalen Oberfläche aufgegriffen.

Auf der anderen Seite wird mit der ästhetischen Metamorphose der Eierschale gespielt. Durch eine chemische Manipulation des Grundmaterials mit einer ökologischen Säure wird eine Kristallisation hervorgerufen, die die Oberfläche des neu entwickelten Materials verändert und zu einer neuen Struktur umformt.

Kristallisation der Eierschale durch Essigessens

Beide Produkte, ob als Werkstoff oder durch eine individuelle Oberflächengestaltungen, stehen eng miteinander in Verbindung und sind das Ergebnis einer langen Reihe von Experimenten. Auf dem Weg dorthin gab es einige Zwischenstationen bei denen ausgibig nach einer Lösung für die Festigung der fragilen Kristalle gesucht wurde. Am Ende erwies sich jedoch, dass die Eierschale selbst in Verbindung mit einem weiteren ökologischen Bindemittel die beste Basis, sowie Stabilität boten. Aus dieser Lösung entstand daher ein Produkt, dass sich in zwei unterschiedlichen Formen präsentiert. Die eine als festes einheitliches Material, die andere als kristalline aufgebrochene Oberfläche. Eine Metamorphose, die den Werdegang der Eierschale auf poetische Weise wieder aufgreift und in eine neue Fläche übersetzt. Zerbrechlichkeit und Stabilität, Nutzung und Zerfall, sowie die Entstehung von etwas Neuem münden in einem Material. Sie sind nicht das Ende sondern nur ein weiterer Schritt in einem Kreislauf.

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